Rolf Maurer beim Interview

Trotz Nervenkitzel auf der Achterbahn, nur Langeweile und Durchhal­tewille bringen den Erfolg

Interview mit Rolf Maurer

Nach Brexit und der eher überraschenden Wahl des neuen US-Präsidenten haben sich die verschiedenen Aktienmärkte mehrheitlich positiv entwickelt. Nun spürt jedoch auch Donald Trump heftigen Gegenwind und die Märkte werden nervöser. Zudem stehen wichtige und wegweisende Wahlen in Europa an. Ist es nun an der Zeit, Gewinne zu realisieren und alle Aktien zu verkaufen?.

Ich rate davon ab. Viele der börsenkotierten Firmen sind sehr gesund. Die meisten davon erwarten ein kontinuierliches Wachstum bei den Ertrags- und Umsatzzahlen. Schwankungen gehören zu den Aktienmärkten. Bedeutende Korrekturen kommen meistens völlig unerwartet oder nach massiven Übertreibungen, davon ist derzeit jedoch nichts zu sehen.

 

Vor zwei Jahren hat die Aufhebung des Euro-Mindestkurses für eine erhebliche Korrektur gesorgt und letztes Jahr war es die Chinakrise. Haben Sie versucht, mit dem Auf und Ab an den Aktienmärkten einen Mehrertrag für Ihre Kunden zu generieren?

Versucht man diese Kursschwankungen auszunützen, kann dies 1-2 Mal gutgehen. Spätestens beim dritten Mal geht es jedoch schief. Es wäre reine Glückssache. Ich will jedoch für meine Kunden langfristig investieren und kein „Gambling“ betreiben. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass der Kunde weiss, dass solche Kursschwankungen dazugehören. Eine alte Börsenweisheit sagt: „Hin und her macht Taschen leer“. Die Einzigen, die von einem ständigen Umschichten des Portfolios profitieren, sind aufgrund der Transaktionsgebühren die Banken.

Die Wissenschaftler G. Friesen und T. Sapp fanden 2007 in einer Studie heraus, dass Privatinvestoren mit Kauf- und Verkaufsstrategien im Zeitraum 1991-2004 ihre Renditen im Durchschnitt jährlich um rund 2 % verringerten. Dies ist auf Umschichtungen zurückzuführen, welche häufig zum falschen Zeitpunkt getätigt wurden.

 

Sind denn alle Ihre Kunden bei diesen Schwankungen ruhig geblieben?

Unsere langjährigen Kunden auf jeden Fall. Aber auch die neueren Kunden sind sich der Risiken bewusst. Interessant ist jeweils, dass das Bedürfnis Aktien zu verkaufen oft erst nach einer Korrektur kommt. Gerade zu diesem Zeitpunkt ist es wichtig, investiert zu bleiben. Denn nach den Tiefstkursen – wenn es im Tunnel am dunkelsten ist – erholen sich die Märkte häufig überdurchschnittlich stark.

 

Ist es denn nicht sinnvoll temporär alle Aktien zu verkau­fen und somit kein Risiko zu haben?

Dies muss ich ganz klar verneinen. Schauen Sie zum Beispiel mal die Aktienentwicklung in der Schweiz von 1926-2014 an. In dieser sehr langen Zeitperiode liegt die Durchschnitts­rendite von Aktien bei 7.8 %. Wenn wir nur die letzten 30 Jahre betrachten, kommen wir auf eine jährliche Durchschnittsverzinsung von 9.5 %.

Beim grossen Index aus den USA, dem S&P 500, lag die durchschnittliche Jahresverzin­sung über die letzten 30 Jahre bei 8.4 %. Wer während dieser Zeit die 20 besten Handels­tage verpasste, erlitt eine beträchtliche Performance-Einbusse. Die durchschnittliche Ver­zinsung lag nur noch bei 3.8 %.

Gehen wir mal davon aus, dass Sie CHF 10’000 während 30 Jahren zu 8.4 % p.a. anlegen können. Ihr Kapital würde auf CHF 112’429 ansteigen. Würden Sie jedoch die 20 besten Börsen­tage verpassen – und die durchschnittliche Verzinsung läge dann nur bei 3.8 %, Ihr Kapital würde auf lediglich CHF 30’614 ansteigen. Dies ist wegen dem Zinseszins-Effekt ein rie­sengrosser Unterschied.

 

Wann verkaufen Sie Aktien?

Hauptsächlich wenn ernsthafte Bedenken und Zweifel an der Qualität einer Aktie bestehen. Da ist es sicher klug, sich von dieser zu trennen.

Zudem verkaufen wir Aktien, wenn die Aktienquote wegen Kursgewinnen zu hoch ist. Wir verabschieden uns eher von den Underperformern, nach dem Motto: „Let the profits run and cut the losses“ (realisiere die Verluste und lasse die Gewinne laufen). Viele Anleger und auch Berater machen genau hier den größten Fehler, indem sie kleine Gewinne realisieren und die Verluste ins Unermessliche laufen lassen.

Da müssen wir über den eigenen Schatten springen. Es ist erwiesen, dass Anleger unter realisierten Verlusten weit mehr leiden, als Gewinne gleicher Grösse sie beglücken.

Es gibt auch immer mehr sogenannte „Crash-Propheten“. Die Vorhersage eines Crashs ist  beliebt  geworden, da im Extremfall der „Guru-Status“ lockt und wenn man falsch liegt, trotzdem fast alle zufrieden sind.

 

Wann sichern Sie Aktienpositionen gegen mögliche Verluste ab?

Fast nie. Hierzu gibt es viele Studien die besagen, dass die Absicherungskosten viel zu teuer sind und die Absicherungen meistens zu spät getätigt werden.

Anleger fahren langfristig deutlich besser, wenn sie Schwankungen am Markt einfach aussitzen. Am Aktienmarkt bleibt niemand von unangenehmen Überraschungen, Enttäu­schungen und Einbussen verschont. Das lässt sich nicht vermeiden und gehört zum Alltag des Anlegers. Für all die Emotionen, die mit Aktien verbunden sind, werden sie dafür mit einer auf die Dauer überdurchschnittlichen Performance entschädigt. Anstatt sich von Angst und Gier leiten zu lassen, sollten die Investoren eine langfristige Anlagestrategie festlegen und diese diszipliniert umsetzen.

Es ist deshalb sehr wichtig, dass Aktien nie zur Unzeit und damit zu ungünstigen Kursen verkauft werden müssen. Wer langfristig in erstklassige wachstumsstarke Aktien mit guter Ausschüttung investiert, hat die nächsten Jahre im Auge, nicht die nächsten Wochen oder gar Tage. Das Anlegen an der Börse ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Entsprechend ist von den Investoren Geduld gefragt. Sind diese Voraussetzungen gegeben, kann getrost auf teure Absicherungen verzichtet werden.

Am Beispiel von Nestlé lässt sich das gut illustrieren. Wer am 1. Januar 1991 CHF 10’000 in Nestlé investiert hat, verfügt heute, 9. Februar 2017, über Aktien im Wert von CHF 105’748. Wurden die Dividenden reinvestiert, beträgt der Wert gar CHF 168’414. Laut „Calculator“ auf der Nestlé Homepage, wurde während dieser langen Zeit (ca. 26 Jahre) eine jährliche Durchschnittsrendite von 9.5 % p.a. und mit Reinvestitionen eine solche von 11.4 % erreicht. Während diesen 26 Jahren gab es gemessen an der Gesamtrendite nur 6 Minusjahre. Das gravierendste Jahr war 2008 mit einem Minus von 18.1 %. Bei den 19 Plusjahren lag die Performance achtmal über 20 %, wobei 1997 mit plus 54.6 % (!) hervorsticht.

Mit Absicherungen wären diese Performance-Zahlen deutlich schwächer ausgefallen.

Was sollte bei der Anlagestrategie bei einem Aktienportefeuille beachtet werden?

Um eine gute Risikoaufteilung über Länder, Branchen und Titeln zu erreichen, sollte in mindestens 15-20 Aktien investiert werden. Bei der Titelauswahl achten wir sehr darauf, dass es ertragsstarke Unternehmen mit einer geringen Verschuldung sind. Das Manage­ment innovativ und zukunftsorientiert handelt sowie die Wachstumsaussichten auch in Kri­senzeiten positiv sind.

Für Schweizer Anleger ist es ideal, wenn die Firmen weltweit tätig sind und die Rechnungslegung in CHF erfolgt. Mit den 3 grossen Schweizer Bluechips, Nestlé, Roche und Novartis ist man schon sehr breit und auch international aufgestellt. Diese 3 Werte erwirtschaften beispielsweise lediglich einen Umsatz von rund 2 % in der Schweiz.

Auch die Währungsrisiken sollten beachtet werden. Fast alle Währungen haben sich ge­genüber dem CHF in den letzten Jahrzehnten massiv abgewertet. Vieles spricht dafür, dass dies auch in Zukunft so sein wird. CHF first ;-).

 

Würden Sie heute in Aktien investieren oder doch lieber die nächste Korrektur abwarten?

Wenn man längerfristig investiert, ist der Einstiegskurs nicht matchentscheidend. Selbst wenn Sie zu Höchstkursen einen Tag vor dem Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 gekauft hätten, hätte sich die Investition gelohnt. Der SPI Index hat seither ca. 25 % zugelegt. Trotzdem empfehlen wir bei einer grösseren Summe, nicht den Gesamtbetrag auf einmal zu investieren. Im Wissen, dass das perfekte Market Timing nicht möglich ist und nur mit Glück der optimale Kaufkurs er­wischt werden kann, empfehlen wir die Käufe gestaffelt zu tätigen.

Sie können zuversichtlich sein, erstklassige Firmen werden auch in Zukunft erfolgreich wirtschaften. Die Prognosefähigkeit aller Marktteilnehmer taugt jedoch viel weniger, als die meisten meinen. Sehen Sie doch die unzähligen Kauf- und Verkaufsstudien der Banken und die vielen Börsenbriefe an. Oft wäre es gewinnbringender gewesen, genau das Gegenteil zu machen.

 

Wann kaufen Sie strukturierte Produkte?

Wir investieren fast nur in das Original, d.h. in Aktien und Obligationen. Dies ist für alle sehr verständlich, einfacher und sehr transparent. Zudem gibt es keine versteckten Gebühren und Provisionen. Nur auf den ausdrücklichen Kundenwunsch kaufen wir strukturierte Produkte oder alternative Anlagen.

Die meisten dieser strukturierten Produkte locken mit hohen Zinssätzen. Diese Zinssätze sind jedoch meistens auch der maximale Gewinn. Auf der anderen Seite ist das Ver­lustpotenzial unbeschränkt. Ich kaufe aus Prinzip keine Produkte, bei welchen die Gewinne gede­ckelt, d.h. limitiert sind.

 

Einverstanden, trotzdem versprechen einige dieser Produkte einen Zins von 6-8 % p.a.

Ja, das stimmt, dies ist jedoch auch der maximale Gewinn. Schauen Sie beispielsweise die Kursentwicklung von Actelion, Amgen oder Apple über die letzten 7 Jahre an. Alle diese drei Titel haben sich seit 2010 mehr als verdreifacht. Diese Beispiele zeigen, welche enormen Wertsteigerungen mit Aktien möglich sind. Dies erfordert Geduld und man muss die Gewinne lauen lassen.

Deshalb empfehle ich keine Produkte, bei denen die Gewinne limitiert sind, insbesondere wenn die Risiken ähnlich sind wie bei einer Direktanlage.

 

Viele Banken finden immer wieder Fonds, die den Markt deutlich geschlagen haben. Was halten Sie davon?

Wenn es einem Fondsverwalter gut läuft, ist oft auch Glück im Spiel. Vom Glück kann man sehr schnell auch wieder verlassen werden. Dies sollten Anleger bedenken, wenn Banken ihnen Fonds schmackhaft machen wollen, die der Konkurrenz überlegen sind und gerade eine überdurchschnittlich gute Performance aufweisen. Der Zufall wird im Anlagegeschäft viel­fach unterschätzt. Das ist wie wenn Sie fünfmal nacheinander eine Sechs würfeln. An der Börse kann man nur durch Zufall aussergewöhnlich gut abschneiden und nicht mit ausser­gewöhnlichen Gaben. Die Prognosefähigkeit der Finanzprofis ist viel geringer als gemein­hin angenommen wird.

Per Ende 2016 schlugen zum Beispiel nur 15 % der aktiven Fonds auf US-Aktien den Benchmark über einen Zeitraum von 5 Jahren. Leider gibt es keine Garantie, dass diese 15 % der aktiven Fonds auch in Zukunft erfolgreich sein werden. Häufig findet man diese  in der nächsten Zeitperiode im letzten Drittel.

 

Haben Sie noch 3 Ratschläge, welche Sie den Lesern mitgeben möchten?

Sehr gerne!

  1. Vertrauen Sie nicht auf Ihr Bauchgefühl und vermeiden Sie emotionale Entschei­dungen.
  2. Hin und her macht Taschen leer, Kaufen und Halten sollte auch in Zukunft die rich­tige Strategie sein; dazu benötigen Sie Zeit, mindestens 8-10 Jahre.
  3. Setzen Sie auf unabhängige Beratung und kaufen Sie das Original; also Aktien, keine (strukturierten) Produkte.

 

Was sind die Vorteile von einer kleinen unabhängigen Vermögensverwaltungsgesell­schaft?

Ich vergleiche dies sehr gerne mit einer kleinen Boutique. Die Bedienung ist wesentlich persönlicher und umfangreicher als diejenige in einem Warenhaus. Zudem ist die Kontinuität in der Betreuung um ein Vielfaches höher. Oder haben Sie Lust, bei jedem Besuch einen neuen Ansprechpartner kennenzulernen? Die Berater in einer kleinen Vermögensverwaltungsgesellschaft sind unabhängig und müssen keine Produkte verkaufen. Oft bilden sie mit dem Kunden eine Schicksalsgemeinschaft, sie sitzen ja im selben Boot. So wächst im Laufe der Zeit ein echtes Vertrauensverhältnis zwischen dem Vermögensverwalter und seinen Kunden. Eben eine Beziehung auf Lebzeiten.

 

Das klingt ja alles schön und nett. Können Sie uns auch ein paar Performancezahlen von Ihren Kunden über die letzten Jahre zeigen?

Sehr gerne. Die Zahlen sind Kopien von Originalbankauszügen, selbstverständlich ohne Name und Nummer.

Hier gehts zum PDF.